Die nachfolgend beschriebenen und
diskutierten Ergebnisse einer für den Biologieunterricht angefertigten
Arbeit geben die Verhältnisse der Schmetterlingspopulationen in den
Sorgwohlder
Binnendünen in der Flugsaison 1998 und zwar von April bis September
wieder.
Ob und in welchem Umfang diese Ergebnisse verallgemeinert werden können, bedarf weiterer Untersuchungen, besonders auch in verschiedenen Arealen der Binnendünen. Weiterhin ist die besonders niederschlagsreiche Witterung mit längeren Regenperioden im Untersuchungszeitraum des Jahres 1998 zu berücksichtigen, wodurch lange inaktive Phasen der Falter zu beobachten waren und auf den Kontrollgängen keine oder nur wenige Schmetterlinge beobachtet wurden.
Es konnten insgesamt 74
Schmetterlingsarten festgestellt werden.
Die tatsächliche Artenanzahl
wird sicher wesentlich höher liegen - schätzungsweise bei 300
Arten.
Betrachtet man die Individuenzahlen der einzelnen Schmetterlingsfamilien, fallen neben der Familie der Eulen die Familien der Bärenspinner, Pfauenspinner und Glucken besonders ins Auge.
Die Pfauenspinner kommen hier nur mit
einer einzigen Art, dem Kleinen
Nachtpfauenauge vor. Durch die starke Bindung an die Raupenfutterpflanze
Heide ist dieser Falter auf den Lebensraum Binnendüne in besonderem
Maße angewiesen und stellt somit eine Charakterart dieses Lebensraumes
dar.
Die
hier beobachteten Flechtenbärchen sind
sicher deshalb so häufig, da sich ihre Raupen ausschließlich
von Flechten ernähren, die in den Binnendünen besonders üppig
auf den freien Stellen der geplaggten Flächen zu finden sind. Frisch
gemähte oder geplaggte Flächen haben daher eine große Bedeutung
für die Entwicklung der Flechtenbärchen.
Die Glucken treten durch ihre hohe
Zahl an Raupen in Erscheinung. Dies ist auch verständlich, da die
Raupen der hier angetroffenen
Arten (z.B. Brombeerspinner)
bis auf den Eichenspinner sich von Gräsern und niederen Kräutern
ernähren.
Die meisten der registrierten Tagfalterarten
hielten sich in der kleinen, vegetationsreichen Sukzessionszone im Übergangsbereich
zur Sorgeniederung auf. Hierbei handelt es sich aber weitgehend um Arten
(z.B. Tagpfauenauge), die für die Belange des Art- und Biotopschutzes
weniger interessant sind. In den beweideten und geplaggten Flächen
waren dagegen typische Leittiere der Binnendünen wie die Rostbinde
oder der Argusbläulingzu
finden. Allerdings sind dies Arten, die durchaus als ortsgebunden angesehen
werden können, aber auch an anderen Örtlichkeiten wie mit Felsen
durchsetzen Schuttflächen oder auf Lichtungen trockener Kiefernwälder
angetroffen werden können. Sie geben diesem Lebensraum Binnendünen
den Vorzug, weil ihnen die Lebensbedingungen wegen der klimatischen Faktoren
- die Rostbinde setzte sich (wohl wegen der höheren Temperaturen)
auffällig häufig auf die vegetationsarmen, geplaggten Flächen,
wo sie sich mit nach oben zusammengeklappten Flügeln sonnte - oder
auch wegen der Futterpflanzen (z.B. Schaf-Schwingel) besonders zusagen.
Die durch die Pflegemaßnahmen entstandenen Flächen scheinen
sich offensichtlich für die in der BRD gefährdete Rostbinde günstig
auszuwirken.
Da sehr viele Arten auch auf der beweideten
Fläche anzutreffen waren, scheint sich der Strukturreichtum der älteren
Besenheide- und Drahtschmielenbestände und/oder indirekt die dichtere
Vegetation über das Mikroklima auf die Schmetterlingsfauna auszuwirken.
Drahtschmielebestände, ältere und jüngere (nach Plaggen)
Callunabestände
und beweidete Flächen scheinen für verschiedene Arten bedeutsam
zu sein. Aus diesem Grunde sollten die Pflegemaßnahmen in den Binnendünen
nicht zu einem monotonen einheitlichen Vegetationsbild führen, sondern
eher mosaikartig strukturiert sein.
Da fast alle beobachteten Tagfalter
keine Blüten anflogen, ließen sich auch keine Vorlieben für
bestimmte Blüten feststellen.
Die unter den Schmetterlingen wohl
am meisten auf den Charakter des Dünengeländes angewiesene Gruppe
ist ohne Zweifel die Gruppe der Zünsler (Pyralidae). Die Raupen der
meisten Zünsler leben an Graswurzeln, eine Nahrungsquelle, die in
reichem Maße vorhanden ist. Bei jedem Schritt flogen diese Arten
bei den Begehungen aus der Vegetation oder vom Boden auf, um nach kurzem
Flug wieder dorthin zurückzukehren. Für die Mehrzahl der Zünsler
ist die Existenz des Lebensraumes Binnendüne von bestand- und arterhaltender
Bedeutung.
Die Überprüfung der Biotopzugehörigkeit der vorkommenden Arten ergibt, dass 53 % der Falterarten (34 % xerophil und 19 % mesophil) die Binnendünen als trockenen und warmen (bzw. mesophilen) Lebensraum bevorzugen. Ein Vergleich mit den Leitarten von Binnendünen zeigt, daß die Fauna neben einer hohen Anzahl unspezialisierter Arten auch zahlreiche für den Lebensraum Heide typische Arten umfaßt.
Unter den Eulen sind hier vor allem die Kleine Heidekrauteule, die Heidekraut-Bunteule und die Trockenrasen-Grasbüscheleule zu nennen. Daneben müssen noch folgende allgemein häufigere Arten, die aber auch gerne in trockenen Lebensräumen auftreten genannt werden. Dazu gehören das Kleine Nachtpfauenauge, die Graue Spätsommer-Bodeneule, die Weizeneule, die Kiefernsaateule, die Rostbinde, der Wolfsmilch-Ringelspinner, die Karden-Sonneneule, die Meldeneule und die Hauhechel- Blättereule.
Besonders erwähnenswert ist an
dieser Stelle das Auftreten der Grauen Heidekrauteule (Lycophotia molothina).
Laut Roter Liste Schleswig-Holstein von 1998 (Einzelfunde vor 1940) scheint
diese Art in Schleswig-Holstein nicht mehr beheimatet zu sein.
Auffällig ist auch der relativ
hohe Anteil an Faltern, die Waldgebiete bevorzugen (21 %). Dazu gehören
auch so auffällige Arten wie der Pappelschwärmer.
Vielfach sind dies aber auch Arten, die Waldgebiete aufsuchen, um ungünstigen
Witterungsbedingungen auszuweichen, Verstecke oder Nahrung zu suchen. Die
Bedeutung solcher (Teil)Lebensräume für die Nachtfalter sollte
nicht unterschätzt werden und für Randflächen der Binnendünen
eingeplant werden.
Spezialisierte Schmetterlingsarten der Sorgwohlder Binnendünen und ihre Bevorzugten Raupennahrungspflanzen unter Berücksichtigung des Bindungstyps.
Monophage Bindung:
| Spezialisierte Arten | Nahrungspflanze |
| Zweipunkt-Sichelflügler | Eiche |
| Schlangenlinien-Grasbüscheleule | Rohrglanzgras |
| Bleigraues Flechtenbärchen | Flechten |
| Gelbleib-Flechtenbärchen | Flechten |
| Grauleib-Flechtenbärchen | Flechten |
| Heidekrautbodeneule | Heidekraut |
| Graue Heidekrauteule | Heidekraut |
| Kleine Heidekrauteule | Heidekraut |
| Kleine Heidekrautbunteule | Heidekraut |
Oligophage Bindung:
| Spezialisierte Arten | Nahrungspflanze |
| Admiral | Brennessel |
| Kleines Wiesenvögelchen | Gräser |
| Argusbläuling | Heidekraut |
| Windenschwärmer | Ackerwinde |
| Bleiche Graseule | Birke |
| Birkenzahnspinner | Birke |
| Janthe-Bandeule | Brennessel |
| Weißfleck-Graseule | Gräser |
| Weizeneule | Gräser? |
| Breitflügel-Graseule | Gräser |
| Trockenrasenbüscheleule | Gräser |
| Violettbraune Kapseleule | Nelkengewächse |
Viele Schmetterlinge sind nicht nur an ein bestimmtes Blühangebot und/oder ein Kleinklima gebunden, sondern benötigen ganz bestimmte Pflanzen zur Entwicklung ihrer Raupen. Ihre Existenz ist damit an das Vorhandensein entsprechender Raupenfutterpflanzen gebunden. Diese Bindung kann dabei in einer Spezialisierung auf Pflanzen bestimmter Familien, Gattungen oder gar einzelner Arten bestehen. Geplaggte Flächen bieten in jungem Alter nur ein kümmerliches Nahrungsangebot (Ausnahme: Flechten für Flechtenbärchen), wodurch die Anzahl der Arten, deren Raupen auf bestimmte Futterpflanzen spezialisiert sind, in diesem Bereich eher gering ist. Wie die Tabelle zeigt, konnten insgesamt 21 derartige Nahrungsspezialisten (9 monophage und 12 oligophage Arten) in den Binnendünen festgestellt werden. Die meisten der monophagen Arten, nämlich vier, leben auf der Besenheide und 3 Arten leben monophag auf Flechten.
Neben der großen Anzahl festgestellter trockenheitsliebender Arten unterstreicht also das Vorkommen zahlreicher Falterraupen mit mono- und oligophager Ernährung die Bedeutung der Binnendünen als Lebensraum für zahlreiche seltene Schmetterlingsarten.
Die Übersicht
der gefährdeten Schmetterlinge laut Roter Liste Schleswig-Holsteins
zeigt, daß 20 der ermittelten Arten in der Roten Liste stehen. Dieser
relativ hohe Wert von 27 % der in den Binnendünen gefundenen Arten
bestätigt recht eindrucksvoll das oben genannte und unterstreicht
die besondere Bedeutung dieses Lebensraumes für die Schmetterlingsfauna.
Unter den 20 ermittelten Rote-Liste-Arten sind 5 nur mit Einzelnachweisen
festgestellt worden. Einige andere Arten wie die Graue Heidekrauteule,
die Kleine Heidekrauteule und die Heidekrautbodeneule konnten dagegen wiederholt
und mit zahlreichen Individuen beobachtet werden. Vom Wolfsmilch-Ringelspinner
und vom Kleinen Nachtpfauenauge wurden
dagegen kaum Falter, dafür aber viele Raupen gefunden. Selbst der
für Schleswig-Holstein seltene Windenschwärmer
konnte
hier beobachtet werden.